| NISSINEN, M. |
Biblica 80 (1999) 250-263 |
Die Liebe von David und Jonatan
als Frage der modernen
Exegese
I
Im Gefolge der westeuropäischen und nordamerikanischen Diskussion über Homosexualität und die Berechtigung der homosexuellen Lebensweise der gleichgeschlechtlich orientierten Menschen haben auch die biblischen Texte, die zu dieser Problematik zumindest scheinbar beitragen, zunehmend Interesse erweckt1. Neben den wenigen biblischen Texten, in denen auf irgendeine Weise auf gleichgeschlechtlichen Umgang ablehnend hingedeutet wird (Gen 19,1-11; Lev 18,22; 20,13; Ri 19), gibt es einen, der eine gleichgeschlechtliche Beziehung mit großer Sympathie beschreibt, nämlich die Aufstiegsgeschichte Davids, in der die liebevolle Freundschaft von David und Jonatan, Sohn des Königs Saul, bisweilen als homosexuell geprägt verstanden worden ist (1 Sam 18–20; 2 Sam 1)2.
Während die Beziehung von David und Jonatan meist eher als eine nahe Freundschaft3 denn als eine homosexuelle Beziehung angesehen worden ist, haben jüngst Silvia Schroer und Thomas Staubli wieder die These vertreten, es handele sich um ein ausgesprochen homosexuelles Verhältnis: "Die Beziehung zwischen David und Jonatan war eine homoerotische und sehr wahrscheinlich auch homosexuelle Beziehung"4.
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Diese These hat wiederum Markus Zehnder angegriffen in einem Artikel, in dem er die Argumente von Schroer und Staubli eines nach dem anderen hinfällig zu machen versucht5.
Bei der Interpretation des Geschlechtlichen in biblischen und anderen zeitgenössischen Quellen steht man stets vor der Gefahr, sich von den in der modernen Begrifflichkeit implizierten Gesellschaftsstrukturen und der Sexualkultur des 20. Jahrhunderts verleiten zu lassen. Im Falle von David und Jonatan dreht sich das Problem um den Begriff ‘Homosexualität’, über dessen Bedeutung keine Einigkeit besteht, der aber in dem modernen Sprachgebrauch allgemein und ohne nähere Bestimmungen als Bezeichnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen verwendet wird. Auch bei Schroer und Staubli ist, ebensowenig wie bei Zehnder, eine Erläuterung des Begriffs nicht vorhanden. In dem obigen Zitat von Schroer und Staubli wird zwar ein Unterschied zwischen "homoerotischen" und "homo-sexuellen" Beziehungen gemacht, aber die Unterscheidung bleibt unpräzisiert. Zehnder wiederum spricht pauschal von Homosexualität bzw. homosexuellen Beziehungen und Aktivitäten und hält es für wichtig, "den Unterschied zwischen nicht-sexuellen und sexuellen freundschaftlichen Beziehungen im Auge zu behalten"6, was wohl so zu verstehen sein dürfte, daß das Wort Homosexualität nur in dem Falle am Platze sei, wenn es sich um eine sexuelle Beziehung handelt — aber was macht denn eine Beziehung "sexuell"?
Nicht nur die schwankende Semantik des Begriffs Homosexualität, sondern vor allem dessen letztendliche Abhängigkeit von der modernen westlichen Interpretation des Geschlechts haben zur Folge, daß es inzwischen durchaus fraglich geworden ist, ob von einer von Zeit und Kultur unabhängigen Homosexualität überhaupt die Rede sein kann7. Während es indes unbestreitbar ist, daß gleichgeschlechtliche Beziehungen verschiedener Art weltweit und in allen Zeiten zu beobachten sind, bewerten verschiedene Gesellschaften und Kulturen die mannigfachen Formen gleichgeschlechtlichen Verhaltens nicht in gleicher Weise. Was man heute Homosexualität nennt, ist kein Ding an sich, sondern eine auf moderner Wissenschaft beruhende und von dem Oberbegriff "Sexualität" abhängige generalisierende Kategorie, die die Idee einer persönlichen Orientation und des daraus entstehenden Bedürfnisses zum gleichge-schlechtlichen sexuellen Verhalten impliziert. Wird also das Wort in der Interpretation der Quellen der prämodernen Welt verwendet, muß dies in vollem Bewußtsein dessen gemacht werden, daß der Begriff diesen Quellen grundsätzlich fremd, in unserem Sprachgebrauch aber durch die seit dem 19. Jh. entwickelten medizinischen, psychologischen, soziologischen und anthropologischen Konnotationen bestimmt ist.
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Wird also der Begriff Homosexualität in Beziehung auf die David-Jonatan-Szenen gebraucht, müßte zunächst einmal geklärt werden, was erforderlich ist, um die Beziehung dieser beiden Männer sachgerecht als homosexuell bezeichnen zu können. Welche Eigenschaften der Beziehung werden betont? Die persönliche sexuelle Orientation der Beteiligten, oder aber ihr konkretes Verhalten, oder beides? Wenn es nicht um die Ausrichtung, sondern nur um das Verhalten geht, welche Formen des gleichgeschlechtlichen Verhaltens sind denn als (homo)sexuell zu bezeichnen — alle Ausdrücke der Zärtlichkeit und Begierde, oder nur intime physische Berührung, oder ausschließlich die sexuelle Vereinigung? Kann das Wort nur auf die Beziehung zwischen den beiden Männern bezogen werden, oder spielt dabei notwendig auch die gesellschaftliche Bewertung dieser Beziehung mit; m.a.W., gibt es eine Homosexualität ohne die gesellschaftliche Auslegung des Verhaltens der Beteiligten? Wer braucht eine Antwort auf die Frage, ob die Beziehung von David und Jonatan homosexuell war? Warum wird diese Frage überhaupt gestellt? Diese Fragen sind keine Haarspalterei, wenn wir nach der Anwendbarkeit des Begriffs Homosexualität auf die Quellen der alten Welt ernstlich fragen.
II
Unabhängig von der Datierung der Aufstiegsgeschichte Davids dürfen wir davon ausgehen, daß sie ein literarisches Werk ist, das seine Entstehung einer oder wohl mehrerer Bearbeiter verdankt, deren Erzählintentionen es folgt und deswegen nur äußerst beschränkt, wenn überhaupt, einen Zugang zu konkreten geschichtlichen Verhältnissen ermöglicht. Deswegen können die historischen Gestalten David und Jonatan nicht unter die Lupe genommen werden; es geht bei der Interpretation ihrer Beziehung nicht um Geschichtsauslegung, sondern um Lesen und Verstehen der Erzählung. Dabei richtet sich die moderne Leserschaft nach der modernen Begrifflichkeit, was mit der der Textwelt nicht immer im Einklang steht und deswegen etwa die Unterscheidung zwischen Sexuellem und Nicht-Sexuellem in dem erzählten Stoff schwierig macht.
Es fehlt nicht an Liebesausdrücken in den David-Jonatan-Szenen: sowohl die Wortfamilie bh) ‘lieben’8 als auch andere Ausdrücke für persönliche Zuneigung und Hingabe wie Cpx ‘Gefallen haben’ (1 Sam 19,1), M(n ‘lieb(lich) sein’ (2 Sam 1,26), (b#$ ‘schwören’ (1 Sam 20,3.17.42) und r#$q ni. ‘sich binden’ (1 Sam 18,1) werden zur Beschreibung ihres Verhältnisses benutzt. Außerdem wird erzählt, daß sie beim Abschied weinen und einander küssen (q#$n 1 Sam 20,41). Im Gebrauch von diesen und anderen Ausdrücken haben Schroer und Staubli Anspielungen auf die Sprache des Hohenliedes gefunden9.
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Im Zusammenhang mit den David-Jonatan-Szenen entkräftet Zehnder die erotische Bedeutung der Wortfamilie bh) und anderer Liebesausdrücke insofern, als nicht nur die sexuelle Komponente verschwindet, sondern auch die persönliche, emotionale Nähe zwischen David und Jonatan, wenn nicht ganz und gar bestritten, so doch erheblich ausgedünnt wird und die Liebe eher als Ausdruck einer theologisch-politischen Korrektheit erscheint10. Dabei schlösse die theologische Motivation den eventuellen homosexuellen Aspekt der Beziehung als unvereinbar mit der offiziellen JHWH-Religion automatisch aus.
Daß mit dem Verb bh) und mit seinen Derivaten zumeist andere als gleichgeschlechtliche Beziehungen beschrieben werden, und zwar oft ohne ausgeprägt erotische Konnotation, ist ohnehin klar. Ferner kommt es aus dem altorientalischen und biblischen — insbesondere aus dem deuteronom(ist)ischen — Schrifttum deutlich zum Vorschein, daß das Liebesvokabular nicht nur in bezug auf erotisch-sexuelle Liebe, sondern häufig auch auf andere zwischenmenschliche oder menschlich-göttliche Beziehungen verwendet wird11. Dies erklärt sich wohl daraus, daß die Liebessprache einer nahen Verbindung und Hingabe, einer Devotion des Menschen für den/die Geliebte(n), den Bundesgenossen, oder Gott selbst, bestmöglich Ausdruck zu geben vermag12, und deswegen auch oft in Zusammenhängen dienstbar gemacht wird, wo der Erotik keine besondere Rolle zukommt. Hier verdient allerdings Beachtung, daß die erotische Sprache auch im politisch-theologischen Kontext von ihrer erotischen Bedeutung notwendig nichts einbüßt, wie besonders die Metaphorik der prophetischen Bücher Hosea, Jeremia und Ezechiel deutlich genug zeigt. Auch in einem Falle wie in dem von David und Jonatan darf man sich fragen, ob die politisch-theologischen und erotisch-emotionellen Aspekte der Liebesausdrücke sich unbedingt gegenseitig ausschließen müssen.
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Indes betont Zehnder mit Recht, daß das Verhältnis von David und Jonatan in den Zusammenhang der Aufstiegsgeschichte Davids gehört, dem die einzelnen Beschreibungen dieser Beziehung untergeordnet sind, und macht deutlich, daß die Erzählintention nicht in erster Linie romantisch orientiert ist13. Daß die Liebe dieser Männer einen wichtigen Teilaspekt, aber doch nicht das Hauptthema der Erzählung bildet und demnach nicht eingehender dargestellt ist, macht die Frage nach dem "eigentlichen" Charakter dieser Freundschaft umso schwieriger zu beantworten. Immerhin braucht die Tatsache, daß die verstreuten Szenen zwischen David und Jonatan einem größeren erzählerischen Zweck dienen, die Intensität ihrer Beziehung nicht geringer zu machen und setzt auch nicht a priori voraus, daß ihre emotionalen, ja erotischen Dimensionen deswegen zurückgestellt werden müßten.
Interessanterweise ist in der Redaktion der Aufstiegsgeschichte Davids keine Tendenz bemerkbar, die Innigkeit der Freundschaft zu verschleiern. Wenn die Erzählung von dem feierlichen Bund zwischen Jonatan und David mit Beteuerung der Liebe Jonatans für David (1 Sam 20,12-17) zu einer jüngeren Schicht gehört und das gleiche auch für die Küssen- und Weinenszene beim Abschied der Männer (1 Sam 20,40-42) gilt14, so stellt es sich heraus, daß die Bearbeiter im Gegenteil das Verhältnis intensivieren lassen, ohne dabei ein Problem zu sehen. Das gleiche läßt sich auch in dem Klagelied Davids nach dem Tode Sauls und Jonatans (1 Sam 1,19-27) ahnen, denn in diesem Lied, das im großen und ganzen aus regelrecht gestalteten poetischen Einheiten besteht, hebt sich ein Stück hervor, wo die sonst durchsichtige poetische Struktur abbricht, und zwar in den uns besonders interessierenden Versen 25-27:
25
Wie sind die Helden gefallen
inmitten des Krieges!
[Jonatan ist erschlagen auf deinen Höhen.
26Ich bin bedrückt deinetwegen, mein Bruder Jonatan!
Du warest mir sehr lieb,
deine Liebe war mir wunderbarer als die Liebe der Frauen.]
27Wie sind die Helden gefallen
und die Streitwaffen verlorengegangen!
Das Zwischenstück (Vss. 25b-26), dessen poetische Struktur im Gegensatz zum sonstigen Text weitgehend unklar ist, drängt sich deutlich zwischen zwei parallele Bikola — oder inmitten eines Tetrakolons — und erklärt sich wohl am besten als eine nachträgliche Interpretation, die die erste Zeile des Gedichts (V. 19a) aufgreift, ybc ("Zierde" oder "Gazelle")15 als
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Bezeichnung für Jonatan auslegt und die Liebe Davids zu Jonatan im Geist der David-Jonatan-Szenen besonders hervorhebt.
Die redaktionsgeschichtlichen Beobachtungen dienen nicht dem Zweck, den Ruhm des "historischen" David vor dem Verdacht eines homosexuellen Verhaltens zu bewahren. Vielmehr gelten sie als zusätzliches Beispiel dafür, daß die Bearbeiter der Aufstiegsgeschichte Davids offenbar keine Hemmungen hatten, die Beziehung von David und Jonatan ausgesprochen als Liebesverhältnis darzustellen.
Es verdient indes Beachtung, daß im älteren Bestand des Liedes Saul und Jonatan ebenso als "geliebte" oder gar "Liebende" vorgestellt werden (V. 23). Möglicherweise wird dies durch die Bemerkung in den Vss. 25b-26 von der schon bekannten Liebe zwischen David und Jonatan ergänzt, um damit die "Dreiecksgeschichte" dieser drei komplett zu machen; hier erhebt sich aber zugleich die Frage nach der Natur der Liebe oder Eifersucht, an der auch Vater und Sohn beteiligt sind. Denn auch Saul hat in den David-Jonatan-Szenen eine entscheidende Rolle zu spielen16. Jonatan hätte David nie kennengelernt, hätte Saul ihn nicht zu sich als seinen Musiktherapeuten und Waffenträger berufen und ihn "sehr lieb" gewonnen (d)m whbh)yw 1 Sam 16,21). Seitdem leidet die Liebe von David und Jonatan unter dem Schatten des Saul und seiner Eifersucht.
Die David-Erzählungen geben durchweg den Eindruck eines Liebe-und-Haß-Verhaltens des Saul zu David, dessen Freundschaft mit seinem Sohn ihm nicht gefällt und geradezu zu aggressiven Gefühlsausbrüchen Anlaß gibt, wie zum Aufbrausen des Saul am Tisch beim Neumond: "Du Bastard einer zuchtvergessenen Frau (twdrmh tw(n)!17. Als ob ich nicht wüßte, daß du den Sohn Isais erkoren hast (y#$y Nbl ht) rxb yk), dir und der Scham deiner Mutter (Km) twr() zur Schande! Denn solange der Sohn Isais lebt auf der Erde, wirst du und dein Königtum nicht bestehen. Sende hin und laß ihn herholen zu mir! Er ist ein Kind des Todes" (1 Sam 20,30-31.). "Halluzinationen eines Psychotikers oder Hellsicht eines seelisch Verwundeten?", fragt Walter Dietrich und deutet damit darauf hin, daß dieser vieldeutige Ausbruch mehr als eine bloße Obszönität enthält18. Die politischen Motive von Saul, das Verhältnis von David zu seinem Sohn zu verdammen, sind explizite ausgedrückt. David gilt als ein Thronprätendent, dessen Freundschaft sich für den Erbsohn als verhängnisvoll erweisen wird — aber nicht nur das: David ist auch derjenige, mit dem Saul selbst einmal eine liebevolle Beziehung gehabt hatte. Die entfernende Rede von "dem Sohn Isais" sowie das Todesurteil sind wohl gemeint als Zeichen eines verfolgungswahnsinnigen Hasses gegen David, den er doch zugleich immer noch von Herzen liebt (vgl. 1 Sam 24,17-22; 26,17-25) und deswegen auf seinen Sohn eifersüchtig ist, dem es gelungen ist, sich mit David anzufreunden, oder ihn zu "erküren" (rxb) — ein Ausdruck eines festen Verhältnisses, der in den Mund des Saul wohl bewußt statt "lieben" (bh)) gelegt worden ist.
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Im Munde des Saul macht das Verhältnis Jonatans mit David sogar die Genitalien seiner Mutter zuschanden. Die Rede von "Scham" (hwr() führt die Gedanken geradewegs zu Lev 18 und 20, wo das "Entblößen der Scham" (hwr( hlg) für Geschlechtsverkehr steht (Lev 18,6-23; 20,11-14.), und legt den Gedanken nahe, daß der Erzähler den wütenden Saul das Verhältnis seines Sohnes mit David auch im sexuellen Sinne blamieren läßt. Das "Entblößen der Scham" wird von inzestuösem Geschlechtsverkehr mit den zur Großfamilie gehörenden Frauen gebraucht, und zwar als eine Verletzung der Ehre der Männer dieser Frauen, denen die dadurch verursachte Schande zukommt. Es ist bemerkenswert, daß Saul sich gerade hier um die Ehre der Mutter Jonatans sorgt, die er selbst doch gleich entehrend "eine zuchtvergessene Frau" genannt hat19 und mit der David wohl keine Beziehung hat20. Der Sprachgebrauch des Saul gilt kaum als Zeugnis einer "homosexuellen" Beziehung zwischen den beiden, läßt aber eindeutig verstehen, daß Jonatan mit seiner Beziehung zu David, der trotz allem immer noch zum engsten Kreis von Saul gehört, den Bereich seines Vaters politisch wie persönlich betritt. Deswegen ist die Innigkeit dieser Beziehung für Saul in jeder Hinsicht bedrohlich.
III
Daß es sich im Falle von David und Jonatan schwerlich um eine homosexuelle Beziehung handeln könne, erklärt sich nach Zehnder aus der einstimmig ablehnenden Haltung der hebräischen Bibel gegenüber dem homosexuellen Verhalten21. Dagegen betonen Schroer und Staubli, daß bestimmte Formen gleichgeschlechtlichen Umgangs zwar abgelehnt worden seien, ohne daß die einschlägigen Texte gegen jede Art gleichge-schlechtlicher Beziehungen gerichtet wären22. Schließt also die Ablehnung des homosexuellen Vergewaltigungsversuchs (Gen 19,1-11 und Ri 19) und das Verbot bei einem Mann "wie bei einer Frau" zu schlafen (Lev 18,22; 20,13), jede homoerotische Interpretation der David-Jonatan-Szenen notwendig aus? M.a.W.: Sollte das Verhalten von David und Jonatan tatsächlich als homosexuell verstanden werden, müßte es dann zugleich auf derselben Ebene mit dem in Gen 19,1-11, Ri 19 und Lev 18,22; 20,13 abgelehnten sexuellen Umgang als eine weitere Erscheinung der allgemeinen, in allen Texten in Erscheinung tretenden ‘Homosexualität’ gleichgestellt werden?
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Die Erzählungen über Sodom (Gen 19,1-11) und Gibea (Ri 19) berichten über kollektive Vergewaltigungsversuche, die deutlich keiner homosexuellen Orientation, sondern einer durch eine Aggression ausgedrückten Xenophobie Ausdruck geben23. In diesen Fällen handelt es sich um eine maskuline Machtdemonstration, die dem Zweck dient, die andere Partei mittels sexueller Gewalt zu unterwerfen.
Als Ursache und Motivation der Bestimmungen des Heiligkeitsgesetzes in Lev 18,22 und 20,13 wird von den heutigen Forschern die allgemeine Ablehnung der sog. Homosexualität24 oder differenziertere Anlässe, wie numinose Furcht und dämonische Ängste verbunden mit uralten Reinheits- und Tabuvorschriften25, Assoziation des gleichgeschlechtlichen Umgangs mit fremden Kulten und deren angeblich homosexuellen Praktiken26, Verschwendung des Samens27, Verletzung der Reinheitsvorschriften durch Vermischung von Samen und Exkrement28 oder Übertretung der Grenzen der männlichen Menschenklasse29 verstanden. Unabhängig davon, wie man die Ursache dieser Vorschriften definiert, ist in ihnen eine bestimmte Interpretation des Geschlechts zu erkennen, deren Grundlegung die tabuisierte und von der Gemeinschaft kontrollierte Unterscheidung zwischen Frauen- und Männerrollen bzw. passiven und aktiven Sexualrollen bildet30.
Es wird in Lev 18,22, ebensowenig wie in 20,13, kein Wort von Frauen geäußert, was durch die Definition der männlichen Homoerotik völlig verständlich wird: "Du sollst nicht bei einem Mann wie bei einer Frau schlafen" (h#$) ybk#$m bk#$t )l rkz t)w); es wird also hier die sexuelle Vereinigung (bk#$m vgl. Jes 57,7f.; Ez 16,16f.; 23,17) zweier Menschen
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männlichen Geschlechts verboten. Weil diese Vereinigung wiederum wohl nur als ein penetrativer Akt vorstellbar ist, wie der Ausdruck
rkz bk#$m — die weiblich-passive Entsprechung für h#$) ybk#$m —, der das Ende der Jungfräulichkeit markiert (Num 31,17-18.35 und Ri 21,11-12), eindeutig zeigt31, wird man schließen müssen, daß der eigentliche Gegenstand von Lev 18,22 und 20,13 der einzig mögliche Akt von dieser Art, wenn es sich um zwei Männer handelt, nämlich der anale ist32. Dabei wird explizite vorausgesetzt, daß die andere, d.h. die passive, Partei die Rolle der Frau spielt. Auch in diesem Fall haben wir es also nicht mit allen beliebigen gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu tun33, von Gesinnungen und Begehren ganz zu schweigen, sondern ausdrücklich mit Taten, h#$) ybk#$m, durch die männliche Mitglieder der Gesellschaft mit einer Frauenrolle versehen und somit entehrt werden. Es handelt sich um hb(wt, um eine Verletzung einer heiligen Grenze zwischen den männlichen und weiblichen Geschlechts- und Sexualrollen34.Keiner von den wenigen einschlägigen Belegen in der hebräischen Bibel kann also als eine allgemeine Stellungnahme zur "Homosexualität" ausgelegt werden, auch nicht als "Ablehnung jeder Art homosexuellen Verhaltens" trotz des einstimmig negativen Befunds. Denn es geht in keiner von diesen Stellen um alle Arten gleichgeschlechtlichen Verhaltens, die dem modernen Leser vorstellbar sind, denn jeder Text hat jeweils sein eigenes Anliegen. Da die Texte allesamt von Mißhandlungen und Schändungen männlicher Ehre handeln, gibt es keinen Anlaß, die geschilderten Erscheinungen des gleichgeschlechtlichen Umgangs positiv zu bewerten. Keiner von ihnen rechnet mit einer gegenseitigen Liebe ebenbürtiger Menschen gleichen Geschlechts ohne die Rollenverteilung in die aktive und passive. Eine solche Beziehung, wenn überhaupt vorstellbar, ist auch nirgendwo verboten.
IV
Wie spiegelt sich nun das in den biblischen Quellen befindliche Verständnis der gleichgeschlechtlichen Verhältnisse in den David-Jonatan-Szenen wider? Es ist wohl davon auszugehen, daß wo keiner mit dem heterosexuellen Geschlechtsverkehr vergleichbare Akt stattfindet, man auch mit keinen unzulässigen Grenzüberschreitungen zu rechnen braucht, also keine hb(wt stattfindet. Dies bedeutet, daß gegenseitige Emotionen und die damit eventuell verbundene physische Nähe zwischen Personen gleichen Geschlechts (lies: Männern; von Frauen ist ja niemals die Rede) überhaupt kaum in den Geltungsbereich der Vorschriften des Heiligkeitsgesetzes fallen, und daß die Verfasser der Aufstiegsgeschichte samt ihren Leser/innen demnach keine Schwierigkeiten hatten, das Verhältnis von David und Jonatan als Liebe zu bezeichnen und die physischen Ausdrücke dieser Liebe zu schildern. Offenbar gehörten sie zum Bereich eines gesellschaftlich tolerierten Verhaltens.
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Die Verfasser bzw. Bearbeiter dieser Erzählung lassen nicht den Eindruck erstehen, David und Jonatan hätten beieinander "wie bei einer Frau" gelegen; dies liegt fern schon von der Tatsache aus, daß die dazugehörende Verteilung auf Männer- und Frauenrollen in dieser Beziehung überhaupt fehlt. Es fällt besonders auf, daß die Beziehung von David und Jonatan nicht päderastisch dargestellt ist, daß also die Dichotomie der aktiven und passiven Rollen in der Beziehung der beiden Männer keine Rolle spielt. Im Gegenteil stehen David und Jonatan in gleichem Rang, was durch ihre Bundschließung sowie durch die Rolle Jonatans als Übermittler des Königtums mit der dazugehörenden Gestik — Übergabe von Mantel, Rüstung etc. — geradezu rituell bestätigt wird (1 Sam 18,1-4)35. Die Liebe zwischen ihnen ist eine gegenseitige36.
Das Fehlen der in der altorientalischen Sexualkultur sonst üblichen Rollenverteilung hängt wohl damit zusammen, daß die Geschichte von David und Jonatan, wie die David-Erzählungen überhaupt, ausdrücklich eine Männergeschichte ist, in der die Ehre eines Mannes ein hervorragendes Anliegen ist, denen die Rolle der Frauen, wenn auch erzählerisch unübersehbar37, jedoch untergeordnet bleibt38. Betrachtet man die Männerliebe vor diesem Hintergrund, so erscheint sie als ein Ausdruck zwischenmännlicher Kultur, die Frauen gewissermaßen ausschließt oder zur Seite drängt. Eben in dieser Kultur kann Männerliebe als Liebe von Ebenbürtigen als "wunderbarer" als Frauenliebe empfunden werden. Der maskuline Zusammenschluß, oder "male bonding", schließt nicht nur seelische Sympathie, sondern auch eine gemeinschaftliche Funktion und gemeinsame Verpflichtungen ein39. Manchmal, wenn auch nicht notwendig, gehören auch physisch-erotische Erscheinungsformen dazu.
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Die altorientalischen und griechisch-römischen Quellen von Gilgames$ bis Homer legen ein deutliches Zeugnis von dem Männerbund von dieser Art ab. Daß Ähnliches auch in der Welt der hebräischen Bibel bekannt ist, wird durch die David-Jonatan-Szenen einfach bestätigt40. Das Verhältnis von David und Jonatan hat manches gemein mit dem von Gilgames$ und Enkidu und dem von Achilleus und Patroklos: gegenseitige emotionale Liebe, Ebenbürtigkeit und das Fehlen der Unterscheidung der aktiven bzw. passiven Rolle, wie auch die eher zurückhaltende Beschreibung der physischen Dimensionen der Beziehung, die allerdings deutlich existieren41. Außerdem stimmen David, Gilgames$ und Achilleus jeweils ein Klagelied für ihre gestorbenen Geliebten an42. Allen diesen Beziehungen ist die pädagogische Funktion und die entsprechende Rollenverteilung der griechischen Päderastie43 fremd, während bei David und Jonatan auch die im Gilgames$-Epos befindliche philosophische Tiefendimension44 fehlt.
Wir sind nun soweit, schließlich die Frage zu stellen, ob und wieweit der Begriff Homosexualität mit seinem modernen moralisch-wissenschaftlichen, von den alten Quellen abweichenden Deutungshorizont dazu geeignet ist, den literarisch gestalteten Männerbund von David und Jonatan sachgemäß zu bezeichnen. Daneben erhebt sich aber auch die hermeneutische Frage nach der Zuständigkeit der David-Jonatan-Szenen in der heutigen Diskussion, die ganz und gar von der modernen Begrifflichkeit beeinflußt ist.
Was den Gebrauch des inzwischen problematisch gewordenen Begriffs Homosexualität in diesem Zusammenhang betrifft, so ist es weitgehend Sache der in dem modernen Sexualität-Vokabular Bewanderten zu definieren, ob und inwieweit er im Falle von David und Jonatan am Platze ist. Wird mit diesem Wort eine angeborene oder sonst entwickelte sexuelle Orientation gemeint, so fällt es schwer, den Charakter der Beziehung von
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David und Jonatan mit ihm zu bezeichnen45, denn die Rede von sexueller Orientation in Erzählungen von diesem Alter ist ein deutlicher Anachronismus: ein Text, dem dieser Begriff fehlt, rechnet einfach nicht mit individuellen sexuellen Ausrichtungen46. Also kann ‘Homosexualität’ in bezug auf die David-Jonatan-Szenen nur in einem möglichst breiten und zugleich vagen Sinne als Gleichgeschlechtlichkeit jeder Art verwendet werden, was aber dem weit verbreiteten, auf die persönliche Orientierung hinweisenden modernen Sprachgebrauch nicht entsprechen würde. Ein besseres Wort wäre ‘Homoerotik’, das als Bezeichnung gleichge-schlechtlichen Umgangs ohne die Annahme einer bestimmten sexuellen Orientation besser funktioniert. Noch sachgemäßer wäre es aber, von einer ‘Homosoziabilität’ (engl. ‘homosociability’) zu reden. Unter diesem Begriff, mehr oder weniger bedeutungsähnlich mit "male bonding", werden gesellschaftliche Beziehungen, Verbindungen und Interdependenzen von Menschen gleichen (meist männlichen) Geschlechts verstanden, wobei der soziale Zusammenschluß und das Nicht-Beteiligtsein des anderen Geschlechts wesentlich ist, während persönliche sexuelle Ausrichtungen der Beteiligten sowie physisch-erotische Dimensionen ihres Verhaltens allenfalls eine geringere Rolle spielen47.
Es kannt nicht behauptet werden, es hätte in der alten Welt keine gleichgeschlechtlich orientierten und u.U. auch als solche anerkannten Menschen gegeben48. Die späte Pathologisierung und Individualisierung der Homosexualität hat aber zur Folge, daß das homoerotische Verhalten in der modernen Welt von einem anderen Blickpunkt aus betrachtet wird als in der Bibel bzw. in zeitgenössischen Quellen, in denen das Verhalten der Menschen von gesellschaftlich kontrollierten und sanktionierten, als gottgegeben verstandenen Konventionen und Tabus gesteuert war, wobei die Regelung des Sexuallebens den Alltag der Gesellschaftsmitglieder am wesentlichsten beeinflußte. Die Ehre und Schande des Mannes und der Frau, d.h. ihre gesellschaftliche Billigung, die nicht zu unterscheiden war von ihrer Position vor der Götterwelt, wurde in bedeutendem Maße von
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dieser Regelung her beurteilt. Die Dichotomie von Homo- bzw. Heterosexualität ist hier nicht entscheidend, sondern die akzeptabel Rollenstruktur und entsprechendes Verhalten.
Auch in der modernen Welt geschieht die Interpretation des gleichgeschlechtlichen Aspekts in den David-Jonatan-Szenen keineswegs in einem ideologiefreien Raum, unabhängig von den gesellschaftlichen Bewertungen verschiedener Aspekte der Sexualkultur. Demgemäß scheint die moderne Auslegung dieser Szenen bewußt oder unbewußt von der Frage auszugehen, ob und inwieweit das Verhältnis von David und Jonatan als Beweis einer positiven Einschätzung der Homosexualität in der Bibel gelten kann49. Die Frage ist keineswegs unmotiviert, ist es doch die eventuelle Anwendbarkeit der David-Jonatan-Szenen für die Suche von heutigen Homosexuellen nach einer positiven Identifizierungsmöglichkeit in der Bibel und in ihrer Auslegung, die die Diskussion hervorgerufen hat. Diese Tatsache vereitelt das Gespräch nicht, wenn wir davon ausgehen, daß die einschlägigen Bibelstellen nicht nur in kirchlich-theologischen Zusammen-hängen, aber auch auf politischen Bühnen interpretiert werden und somit nach wie vor auf die Lebensverhältnisse der in jüdisch-christlichen Kulturen lebenden Menschen einwirken. Dies stellt auch an die wissenschaftliche Arbeit an der Bibel einen Verantwortungsanspruch, es sei denn, daß die Diskussion schwerlich auf ein auf Neutralität strebendes gelehrtes Gespräch zwischen Fachexegeten beschränkt werden kann oder soll.
V
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß in der literarischen Welt der Aufstiegsgeschichte Davids
1) David und Jonatan einander lieben, daß sie also in einer innigen und gegenseitigen Freundschaft verbunden sind, die auch mit manchen erotisch gefärbten Ausdrücken dargestellt ist und in diesem Sinne als homoerotisch bezeichnet werden kann; daß
2) die Erzählung nicht darauf hinweist, daß David und Jonatan beieinander "wie bei einer Frau" liegen, also der eine den anderen sexuell in die Frauenrolle drängt, daß aber im Gegenteil ihre Beziehung als eine zwischen ebenbürtigen Partnern ohne die zu Sexualverhältnissen gehörende Rollenverteilung in die aktive und passive zu interpretieren ist; daß
3) die die Frauenliebe überbietende gegenseitige Liebe der zwei Männer ein mit dem Verhältnis von Gilgames$ und Enkidu sowie mit dem von Achilleus und Patroklos vergleichbaren Beispiel einer "male bonding", eines Männerbunds oder der Homosoziabilität, darstellt; und daß
4) die von moderner Kategorisierung ausgehende Verwendung des Begriffs Homosexualität grundsätzlich irreführt, die aber als fester Bestandteil der Begrifflichkeit der modernen Leser/innen der Bibel zugleich den Ansatzpunkt der exegetischen Diskussion gebildet hat.
Somit haben wir uns nicht mit einem historisch-literarischen, sondern mit einem hermeneutischen Problem befaßt, bei deren Behandlung nicht
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nur der Bibeltext und seine Auslegung, sondern auch und vor allem die Interpretation des Geschlechts in der modernen westlichen Gesellschaft mitspielt 50. Auf die Frage, ob die Beziehung von David und Jonatan als Ausdruck der Homosexualität zu verstehen ist, ist im Text keine eindeutige Antwort zu finden, denn die Frage ist der Textwelt fremd. Als eine Frage, die sich aus dem Leben der modernen Leserschaft erhebt und dieses widerspiegelt, ist sie allerdings durchaus legitim und kann und muß deswegen auch von den heutigen Leser/innen der Bibel erwogen werden.
© 1999 Biblica
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Martti NISSINEN |
SUMMARY
In the recent debate concerning the relationship of David and Jonathan as described in 1 Sam 18–20 and 2 Sam 1 the main issue has been whether or not the love between these male persons should be characterized as "homosexual". Since the concept of homosexuality is not inherent in the biblical text but rather reflects the modern interpretation of gender, its use has been justly questioned. It is argued in this article that neither the story of David and Jonathan nor such texts as Gen 19,1-11, Judg 19 and Lev 18,22 and 20,13 can be interpreted as reflecting an overall concept of homosexuality. The relationship of David and Jonathan may be understood as a socially acceptable male bonding between equals, in which mutual love and affection is depicted with some homoerotic traits but in which the differentiation of active and passive, i.e. male and female sexual roles plays no role. The biblical text does not disclose homosexual orientation, thus it is up to the modern reader to decide to what extent the relationship of David and Jonathan corresponds to what is today called ‘homosexuality’.
Notes:
1 Von der schon groß gewachsenen Menge der einschlägigen Literatur seien hier besonders die Monographien von J. BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century (Chicago – London 1980); R. SCROGGS, The New Testament and Homosexuality. Contextual Background for Contemporary Debate (Philadelphia 1983); B. BROOTEN, Love between Women. Early Christian Responses to Female Homoeroticism (Chicago – London 1996) und D.J. WOLD, Out of Order. Homosexuality in the Bible and the Ancient Near East (Grand Rapids 1998) sowie die von J.S. SIKER, Homosexuality in the Church. Both Sides of the Debate (Louisville 1994); C.-L. SEOW, Homosexuality and Christian Community (Louisville 1996) und R.L. BRAWLEY, Biblical Ethics and Homosexuality. Listening to the Scripture (Louisville 1996) herausgegebenen Sammelbände erwähnt; vgl. auch M. NISSINEN, Homoeroticism in the Biblical World. A Historical Perspective (Minneapolis 1998).
2 So z.B. T. HORNER, Jonatan Loved David. Homosexuality in Biblical Times (Philadelphia 1978) 26-39; D.M. GUNN, The Fate of King Saul (JSOTSS 14; Sheffield 1980) 93; S. TERRIEN, Till the Heart Sings. A Biblical Theology of Manhood and Womanhood (Philadelphia 1985) 169; in gewissem Sinne auch E.S. GERSTENBERGER, Das dritte Buch Mose: Leviticus (ATD 6; Göttingen 1993) 271.
3 So z.B. P.K. MCCARTER, I Samuel. A New Translation with Introduction, Notes and Commentary (AB 8; Garden City 1980) 342; F. STOLZ, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK; Zürich 1981); S.B. PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality", QR 11 (1991) 4-19, bes. 10-11; W. DIETRICH, Die frühe Königszeit in Israel. 10. Jahrhundert v.Chr. (Biblische Enzyklopädie 3; Stuttgart 1993) 291-292.
4 S. SCHROER – T. STAUBLI, "Saul, David und Jonatan — eine Dreiecksgeschichte? Ein Beitrag zum Thema ‘Homosexualität im Ersten Testament’", BK 51 (1996) 15-22, bes. 15.
5 M. ZEHNDER, "Exegetische Beobachtungen zu den David-Jonatan-Geschichten", Bib 79 (1998) 153-179.
6 ZEHNDER, "Beobachtungen", 178.
7 Die Problematisierung des Begriffs verdankt sich vor allem dem Werk von M. FOUCAULT, Histoire de la sexualité, Vol. I: La Volonté de savoir (Paris 1976). Vgl. D.M. HALPERIN, One Hundred Years of Homosexuality and Other Essays on Greek Love (New York – London 1990). Auch ZEHNDER, "Beobachtungen", 167 (Anm. 39) zeigt, daß er sich dieser Schwierigkeiten bewußt ist, aber dies scheint wenig Konsequenzen für seinen Gebrauch des Begriffs Homosexualität zu haben.
8 Das Verb bh) kommt in 1 Sam 18,1; 20,17, das Nomen hbh) in 1 Sam 18,3; 20,17; 2 Sam 1,26 vor.
9 SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 18-19: neben bh) + #$pn (Hld 1,7; 3,1-4), (b#$ (Hld 2,7; 8,4) und M(n (Hld 1,16; 7,7) und q#$n (Hld 1,2 u.a.) auch das "Gehen aufs Feld" (1 Sam 20,11 vgl. Hld 7,12). ZEHNDER, "Beobachtungen", 178, erklärt diesen Sachverhalt umgekehrt so, daß "der (oder die) Verfasser des Hohenliedes diejenige Geschichte aus der religiösen Überlieferung Israels, die am ausführlichsten ein inniges Freundschaftsverhältnis beschreibt, an einigen Punkten als literarische Vorlagen verwendet hat (bzw. haben)". Angesichts der weiten Verbreitung der verblüffend ähnlichen Liebesmetaphorik im östlichen Mittelmeerraum in verschiedenen Epochen (s. M. NISSINEN, "Love Lyrics of Nabû and Tas$metu: An Assyrian Song of Songs?", Und Mose schrieb dieses Lied auf. Festschrift für O. Loretz. [Hrsg. M. DIETRICH – I. KOTTSIEPER] [AOAT 250; Münster 1998] 585-634) ist die Annahme eines innerbiblischen literarischen Abhängigkeitsverhältnisses nicht notwendig.
10 ZEHNDER, "Beobachtungen", 173-174; ähnlich schon J.A. THOMPSON, "The Significance of the Verb Love in the Jonathan-David Narratives in 1 Samuel", VT 24 (1974) 34-38; MCCARTER, I Samuel, 305, 342; DERS., II Samuel. A New Translation with Introduction, Notes and Commentary (AB 9; Garden City 1984) 77.
11 S. nach wie vor W.L. MORAN, "The Ancient Near Eastern Background of the Love of God in Deuteronomy", CBQ 25 (1963) 77-87 mit Hinweis auf den Bund zwischen David und Jonatan (82, Anm. 33). Zur Semantik des alttestamentlichen Liebesvokabulars s. grundlegend R. LAUHA, Psychophysischer Sprachgebrauch im Alten Testament. Eine Struktursemantische Analyse von bl, #$pn und xwr (AASF B Diss 35; Helsinki 1983) 170-191 und vgl. auch A. BRENNER, The Intercourse of Knowledge. On Gendering Desire and ‘Sexuality’ in the Hebrew Bible (Biblical Interpretation Series 26; Leiden 1997) 13-21.
12 Vgl. W.G. LAMBERT, "Devotion: The Languages of Religion and Love", Figurative Language in the Ancient Near East (Hrsg. M. MINDLIN – M. GELLER – J.E. WANSBROUGH) (London 1987) 25-39; NISSINEN, "Love Lyrics", 599-600.
13 ZEHNDER, "Beobachtungen", 168-174; zur Intention der David-Saul-Erzählungen auch DIETRICH, Die frühe Königszeit, 213-220.
14 S.T. VEIJOLA, Die ewige Dynastie. David und die Entstehung seiner Dynastie nach der deuteronomistischen Darstellung (AASF B 193; Helsinki 1975) 82-84.
15 Oder: die Gazelle (II ybc); s. H.-P. MÜLLER, "Gilgameschs Trauergesang um Enkidu und die Gattung der Totenklage", ZA 68 (1978) 233-250, 239. Stimmt diese Übersetzung, so gilt das Wort als ein weiteres gemeinsames Element der David-Jonatan-Szenen mit dem Hohenlied (Hld 2,9.17; 8,14; vgl. hybc Hld 2,7; 3,5; 4,5; 7,4).
16 S. SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 17-18; DIETRICH, Die frühe Königszeit, 49-52, 62-67.
17 Zu dieser Übersetzung s. H.J. STOEBE, Das erste Buch Samuelis (KAT VIII 1; Gütersloh 1973) 378-379.
18 DIETRICH, Die frühe Königszeit, 52.
19 MCCARTER, I Samuel, 343, meint zwar, daß diese Beleidigung nur an Jonatan und nicht an seine Mutter gerichtet ist und daß der Hinweis auf die Genitalien seiner Mutter ihn als ein von Anfang an mißratenes Kind hinstellt: "Jonathan, says Saul, has disgraced his mother’s genitals, whence he came forth".
20 H. SEEBASS, "#$w$b@", TWAT I, 568-580; bes. 572, meint, David hätte als König mit dem königlichen Harem auch die Mutter Jonatans als sein Weib übernehmen können.
21 ZEHNDER, "Beobachtungen", 174: "Wie sollte es möglich sein, daß ausgerechnet JHWH zum Zeugen und Garanten eines Bundes gemacht wird, wenn dieser Bund mit einer Art von sexueller Beziehung verbunden wäre, für deren Bejahung jedes positive Zeugnis innerhalb der JHWH-Religion fehlt, für deren Ablehnung aber — wenn auch in der Datierung umstrittene — Zeugnisse vorliegen?".
22 SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 16-17.
23 Diese schon fast als communis opinio geltende Auffassung hat neulich WOLD, Out of Order, 77-89, widerlegt mit dem Argument, das Verb (dy werde in Gen 19,5, gegen etwa BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality, 94, in einem eindeutig sexuellen Sinne benutzt, was wiederum bedeute, daß die Spitze der Erzählung nicht gegen die Ungastlichkeit, sondern gegen Homosexualität gerichtet sei. Das Wesentliche dabei ist allerdings nicht die sexuelle Bedeutung des Verbs (dy, die wohl keinem Zweifel unterliegt (s. z.B. NISSINEN, Homoeroticism, 46), sondern die Motivation und der Zweck der Tat, die mit diesem Verb ausgedrückt wird und die doch unbestreitbar als haarsträubendes Beispiel der Unfreundlichkeit gegenüber den Fremden vorgestellt wird. So ist es auch in der innerbiblischen Interpretation der Erzählung verstanden worden (Ez 16,49; Weish 19,13-15; Lk 10,12; Mt 10,15). Das eigentliche Problem ist somit nicht die Bedeutung des hebräischen Verbs, sondern der "heterosexistische" Gebrauch des Wortes Homosexualität als Oberbegriff für alle mögliche Gleichge-schlechtlichkeit (s. P.B. JUNG – R.F. SMITH, Heterosexism: An Ethical Challenge. [Albany 1993] 65-71).
24 WOLD, Out of Order, 117-120.
25 E. GERSTENBERGER, Das dritte Buch Mose, 232,271; vgl. DERS., "Homosexualität im Alten Testament — Geschichte und Bewertungen", Schwule, Lesben¼ — Kirche: Homosexualität und kirchliches Handeln (EKHN-Dokumentation 2; Frankfurt a.M. 1996) 137.
26 BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality, 100-101.
27 H. EILBERG-SCHWARZ, The Savage in Judaism. An Anthropology of Israelite Religion and Ancient Judaism (Bloomington 1990) 183.
28 S. OLYAN, "‘And with a Male You Shall Not Lie the Lying Down of a Woman’: On the Meaning and Significance of Leviticus 18:22 and 20:13", Journal of the History of Sexuality 5 (1994) 179-206, bes. 203.
29 M. DOUGLAS, Purity and Danger. An Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo (London 1966) 41-57.
30 Vgl. NISSINEN, Homoeroticism, 43-44.
31 Zu dieser Terminologie s. BRENNER, The Intercourse of Knowledge, 24-26.
32 S. dazu OLYAN, "And with a Male", 183-186.
33 S. auch GERSTENBERGER, "Homosexualität", 139-140.
34 Zu hb(wt in diesem Sinne s. OLYAN, "And with a Male", 180, 199.
35 Vgl. ZEHNDER, "Beobachtungen", 169-172 und I. WILLI-PLEIN, "Michal und die Anfänge des Königtums in Israel", Congress Volume Cambridge 1995 (Hrsg. J.A. EMERTON) (VTS 66; Leiden 1997) 401-419, bes. 402.
36 Es stimmt zwar, daß als Subjekt der Liebesausdrücke (bh), Cpx, r#$q ni., rxb) immer Jonatan erscheint (1 Sam 18,1.3; 19,1; 20,17.30; auch 2 Sam 1,26); vgl. DIETRICH, Die frühe Königszeit, 292. Jedoch weint David bei ihrem Abschied noch bitterer als Jonatan (1 Sam 20,41), die Liebe von Jonatan ist für David wunderbarer als Frauenliebe (2 Sam 1,26), und ihre Freundschaft schwören die beiden einander im Namen Gottes (1 Sam 20,42: hwhy M#$b wnxn) wnyn#$ wn(b#$n). All dies weist wohl darauf hin, daß das Liebesverhältnis als ein gegenseitiges dargestellt wird.
37 Zur Rolle der Frauen in den David-Erzählungen s. I. WILLI-PLEIN, "Michal" und besonders DERS., "Frauen um David: Beobachtungen zur Davidshausgeschichte", Meilenstein. Festgabe für Herbert Donner (Hrsg. S. TIMM – M. WEIPPERT) (ÄAT 30; Wiesbaden 1995) 349-361.
38 S. D.J.A. CLINES, "David the Man: The Construction of Masculinity in the Hebrew Bible", Interested Parties. The Ideology of Writers and Readers of the Hebrew Bible (Hrsg. DERS.) (JSOTSS 205; Sheffield 1995) 212-243. Laut WILLI-PLEIN, "Michal", 402-403 ist die Jonatangeschichte im Ganzen eine Konkurrenzerzählung zur Rettung Davids durch Michal, die Tochter Sauls: "Ist die letztere durch die aus späterer Sicht theologisch empörende Kritik Michals am Ladetanz belastet, so ist die Beziehung zu Jonatan für den antiken Leser gewissermaßen makelloser Nachweis des gottgefälligen Übergangs des israelitischen Königtums von Saul auf David [¼]" .
39 CLINES, "David the Man", 225: "The ideology of such male friendship contains these elements: loyalty to one another, a dyadic relationship with an exclusive tendency, a commitment to a common cause, and a valuing of the friendship above all other relationships. In such a friendship there is not necessarily a strong emotional element; the bond may be more instrumental and functional than affective. Perhaps that is the nature of the bond between David and Jonathan, and that is one of the ways in which they subscribe to, and promote, the Hebrew ideology of masculinity".
40 J.C. EXUM, Tragedy and Biblical Narrative. Arrows of the Almighty (Cambridge 1992) 73; CLINES, "David the Man", 223-225; vgl. auch NISSINEN, Homoeroticism, 53-56. Die kulturgeschichtliche Ableitung von ägyptischen bzw. philistäischen Vorbildern bei SCHROER — STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 20-22 ist interessant, aber recht spekulativ und allzu historisierend. Es ist ihnen immerhin als Verdienst anzurechnen, daß sie zu dem bisher sehr knappen ägyptischen Quellenmaterial zur Gleichge-schlechtlichkeit zwei ikonographische Zeugen hinzugefügt haben.
41 Zum Vergleich von diesen Verhältnissen, s. HALPERIN, One Hundred Years, 75-87.
42 2 Sam 1,18-27; Gilg. viii 41-5; x 234-238 (S. PARPOLA [Hrsg.] The Standard Babylonian Epic of Gilgamesh [State Archives of Assyria Cuneiform Texts 1; Helsinki 1997] 99-100; 105-106; vgl. auch MÜLLER, "Trauergesang"; Homer, Ilias 24 (H. VAN THIEL [Hrsg.] Homeri Ilias [Bibliotheca Weidmanniana 2; Hildesheim 1996] 467ff.).
43 Dazu etwa NISSINEN, Homoeroticism, 57-69.
44 S. dazu G.F. HELD, "Parallels between The Gilgamesh Epic and Plato’s Symposium", JNES 42 (1983) 133-141; S. PARPOLA, "The Assyrian Tree of Life: Tracing the Origins of Jewish Monotheism and Greek Philosophy", JNES 52 (1993) 161-208, bes. 192-195; DERS., "The Esoteric Meaning of the Name Gilgamesh", Intellectual Life of the Ancient Near East (Hrsg. J. PROSECKY) (CRRAI 43; Prag 1998) 315-329.
45 Es wird oft darauf hingewiesen, daß David keine Schwierigkeit zu haben scheint, mit Frauen umzugehen; von den Frauen Jonatans hören wir indessen nichts. Es wird später (2 Sam 4,4; 9; 1 Chr 8,34; 9,40) von seinem Sohn namens Meribaal/Mefiboschet erzählt, der aber in der älteren Fassung der Geschichte eigentlich wohl der Sohn Sauls gewesen war; s. T. VEIJOLA, "David und Meribaal", RB 85 (1978), 338-361 (= DERS., David: Gesammelte Studien zu den Davidüberlieferungen des Alten Testaments [Schriften der Finnischen Exegetischen Gesellschaft 52; Helsinki 1990] 58-83).
46 Die Unbrauchbarkeit des Begriffs Homosexualität in diesem Sinne hat u.a. PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality", 11, richtig gesehen: "That is not to say that such relationships [wie die von David und Jonatan] could not have been homosexual. It is simply to say that the language and literature to which we have access do not disclose homosexual relationships".
47 Zur Terminologie s. NISSINEN, Homoeroticism, 16-17; zur ‘Homosoziabilität’ auch D. MORGAN, Discovering Men (Critical Studies on Men and Masculinities 3; London 1992) 67. GERSTENBERGER, "Homosexualität", 151-152, schreibt allerdings ausgerechnet die männliche Homosexualität den Männergemeinschaften von dieser Art zu.
48 BROOTEN, Love between Women, 242; A. RICHLIN, "Not before Homosexuality: The Materiality of the Cinaedus and the Roman Law against Love between Men", Journal for the History of Sexuality 3 (1992) 523-573.
49 Dies ist sowohl von SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 15 als auch von ZEHNDER, "Beobachtungen", 178-179 wahrgenommen worden.
50 Weitere hermeneutische Überlegungen z.B. bei PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality"; GERSTENBERGER, "Homosexualität"; NISSINEN, Homoeroticism, 123-134.